Icinga-Fork - was wird aus Nagios?

Wichtige Entwickler verärgert über Flaschenhals in der Entwicklung

Von Ludger Schmitz*, 24.5.2009

Der Open-Source-Aufreger des Monats Mai war „Icinga“, ein Fork von „Nagios“, dem bekanntesten Open-Source-Produkt für IT-Monitoring und -Administration. Inzwischen sind die Folgen der Abspaltung deutlicher auszumachen.

Das war schon ein Donnerschlag, als einige hierzulande gut bekannte Nagios-Spezialisten am 6. Mai 2009 den Fork Icinga aus der Taufe hoben. Der Kreis der Dissidenten bestand nicht aus ein paar Randfiguren; dabei sind beispielsweise Hendrik Bäcker und Jörg Linge (Entwickler beziehungsweise Gründer des Add-ons PNP4Nagios), Michael Lübben (Entwickler des Add-ons NagVis und Betreiber des Nagios-Portals) und Matthias Flacke (Entwickler von check_multi). Außerdem war führend die Nürnberger Netways GmbH dabei, der deutsche Nagios-Spezialist schlechthin, und damit auch dessen Geschäftsführer Julian Hein, Head of Operations Bernd Erk, der NagiosGrapher-Entwickler Marius Hein und Christian Döbler, Entwickler des Netways-Nagios-Portals.

Und das war nach Angaben der Forker der Anlass des Gewitters: Sie warfen Nagios-Erfinder und Chef-Maintainer Ethan Galstad insbesondere vor, dass die Nagios-Entwicklung stocke. Patches für den Kern des Admin-Tools würden zu langsam akzeptiert, Anwenderwünsche und Entwicklervorschläge würden ignoriert. Die Datenbank-Anbindung sei ungenügend geblieben, das Webinterface „altbacken“, so Netways-Chef Hein im Linux-Magazin. Vorschläge aus dem Nagios Community Advisory Board, in dem einige der Abweichler vertreten waren, seien von Galstads Firma Nagios Enterprises abgelehnt oder nicht verfolgt worden. Der „Flaschenhals“ in der Nagios-Entwicklung, so Bäcker, habe in der Community zu „Gerüchten, Frustrationen und Missverständnissen“ geführt.

Diese Kritiken aus Icinga-Kreisen dürften nicht der gesamte Hintergrund der Abspaltung gewesen sein. Es fällt auf, dass die öffentlich genannten Forker allesamt Deutsche sind und viele direkt mit der Netways GmbH zu tun haben. Und die hat Ärger mit Galstads Nagios Enterprises. Diese beansprucht weltweit das Markenrecht an Nagios, wogegen sich Netways zur Wehr setzt.

Ethan Galstad reagierte überrascht und enttäuscht; er war tatsächlich nicht von der Icinga-Gruppe informiert worden. Er griff deren Mitglieder zwischen den Zeilen persönlich an: „Herausforderungen fördern unsere besten und schlechtesten Eigenschaften zu Tage.“ Auch sonst zeigte er sich mit dem Verweis auf „Kommunikationsdefizite auf beiden Seiten“ weitgehend uneinsichtig und formulierte trotzig: „Es kann passieren, dass die Weiterentwicklung und Innovation von Nagios explodiert wie nie zuvor. Es kann sein, dass die Spaltung das beste war, was Nagios passieren konnte.“ Dann wären im Gegenschluss die Icinga-Mitglieder die Nagios-Blockierer gewesen.

Das Icinga-Projekt hat sich einiges vorgenommen. Sein Projekt soll die Einbindungen von Datenbanken in den Nagios-Kern über eine API erleichtern. Diese soll auch die Integration von Add-ons in den Core vereinheitlichen und verbessern. Ein Web-Interface auf PHP-Basis soll es einfacher machen, Add-ons zu entwickeln und Incinga an vorhandene IT-Umgebungen anzupassen. Die beliebten Nagios-Erweiterungen sollen auch mit Icinga problemlos laufen. Überhaupt soll das Fork-Produkt zumindest vorerst kompatibel zu Nagios bleiben.

Das Team hat seine Ernsthaftigkeit erkennen lassen. Vor wenigen Tagen hat es die erste Vorversion 0.8 von Icinga vorgelegt. Darin sind die Grundzüge für die API und das Web-Interface enthalten; MySQL ist als erste Datenbank integriert. Icinga setzt jetzt auf die Community, um schnell zur Version 1 zu kommen. Die ist für den 28.Oktober 2009 angekündigt.

Doch das dürfte vorerst die Bedeutung von Nagios als Open-Source-Monitoring-Tool keineswegs schmälern. „Nagios und seine Community sind nicht tot“, schätzt auch Bäcker. Die große Verbreitung von Nagios am Markt sorgt allein für Schwung und könnte für eine noch größere Bedeutung des Produkts sorgen. „Nagios hat allein schon deshalb Stabilität, weil es dermaßen stark am Markt verbreitet ist“, meint Detlef Oertel, Geschäftsführer des Mainzer Open-Source-Dienstleisters uib.

Zwar finden sich im Web jede Menge Berichte von Anwendern, die Probleme hatten, das Tool auf ihre IT-Umgebungen anzupassen. Aber wer es – gerade dank der Add-ons – geschafft hat, ist zufrieden. Es besteht einfach kein Anlass, auf ein anderes Admin-Werkzeug zu wechseln, solange dies und seine Erweiterungen nicht wesentliche Vorteile mit sich bringen. Und es müssen schon einige Pluspunkte sein, um den Aufwand zu rechtfertigen.

Aber es dürfte eine ganze Menge Anwenderunternehmen geben, die erst erst jetzt unter einem krisenbedingten Sparzwang Open-Source-Produkte ernsthaft in Erwägung ziehen. Und diese Gruppe ist theoretisch größer als die Zahl der bisherigen Nagios-Anwender. Es gibt also ein riesiges Potenzial für Icinga – zumal dieses Produkt auf Nagios aufbauend dessen Probleme vermeiden will. Aber Nagios könnte umgekehrt auch gute Verbesserungen des Open-Source-Icinga-Projekts aufnehmen. In jedem Fall hätten beide einen gewaltigen Markt vor sich.

Der ließe sich in Einheit vermutlich besser beackern. Aber es gibt ja auch die Erfahrung, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Nachdem das Zerwürfnis jetzt wohl schon persönliche Dimensionen angenommen hat, erscheint eine Wiedervereinigung der Parteien unwahrscheinlich. Das muss gar nicht schlecht sein. Es gibt Berichte, wonach im Nagios-Projekt über eine Verbesserung der Strukturen und Abläufe diskutiert wird. Wenn daraus etwas wird, hätte die Abspaltung als Weckruf funktioniert: Nagios würde tatsächlich besser – vor allem schneller auf Anforderungen und Lösungen der Community reagieren. Für Anwender sind das gute Nachrichten.