Univention überschreitet Grenzen

Open-Xchange wird dem Bremer Linux-Dienstleister zum Sprungbrett

Von Ludger Schmitz, 27.10.2008

Die vom E-Mail- und Collaboration-Spezialisten Open-Xchange vertriebene „Open-Xchange Appliance Edition“ (OXAE) hat einen Univention-Anteil, der den Bremer Open-Source-Dienstleister in eine neue Rolle hebt: Der von Univention stammende Produktteil kommt in den Rang einer Linux-Distribution und erstmals werden die Bremer damit außerhalb Deutschlands in Erscheinung treten.

OXAE enthält ein Applikationsbündel von Open-Xchange, das unter anderem E-Mail-, Termin-, Kontakt- und Aufgabenverwaltung für Arbeitsgruppen umfasst. Eine fertige Umgebung zur Installation auf einem Server wird es durch eine OEM-Version von „Univention Corporate Server 2.1“ (UCS). Dieser Teil des Pakets hat zwar den gleichen Namen, ist aber in Wirklichkeit eine eingeschränkte Version des Univention-Kernprodukts. Immerhin, die auf Debian aufsetzende Linux-Distribution enthält ihre wichtigsten Funktionalitäten, nämlich die Web-basierende Administrationsoberfläche mit Identity- und Infrastruktur-Management, Samba und die Konnektoren zur Integration in Microsoft-Umgebungen.

Moment mal, Univention hat da doch den Groupware-Server UGS, im Kern USC plus „Kolab“. Ist das jetzt eine strategische Neuorientierung, weg von Kolab, hin zu OX? „Ist es nicht“, sagt Univention-Chef Peter H. Ganten, „wir wollen nur mehr Wahlmöglichkeiten bieten.“ Das könnte hinhauen: Kolab ist vor allem in der öffentlichen Verwaltung verbreitet, Open-Xchange verwenden inzwischen acht Millionen Endanwender, hauptsächlich in Firmen, meistens als Software-as-a-Service diverser Internet-Provider. Und Ganten verweist darauf, dass sich UCS seit längerem auch gut mit einigen weiteren Groupware-Lösungen verknüpfen lässt. So pflegt das Unternehmen entsprechende Partnerschaften mit Scalix und Zarafa.

Die Verbandelung mit Open-Xchange und dessen Vertriebskanal Web-Provider hat zwei ganz andere Folgen: Die erste heißt: Der Univention Corporate Server wird als Linux-Basis verwendet wie sonst Suse, Red Hat oder Ubuntu. UCS gerät am Markt in eine Rolle wie eine eigenständige Linux-Distribution. Univention kommt dabei seinem eigenen Anspruch, ein Enterprise-Linux-Spezialist zu sein, ein beträchtliches Stück näher.

Die zweite Folge: Die Provider-Partner von Open-Xchange heißen nicht nur 1&1 Internet, sondern auch Network Solutions, OVH und Hostpoint. Die letzten drei kommen aus den USA, Frankreich und der Schweiz. Das heißt aber: Erstmals in ihrer Geschichte wird die Univention GmbH über ihr bisher auf Deutschland begrenztes Aktionsgebiet hinausgehen. Univention wird im Ausland aktiv – aber quasi unsichtbar unter dem Mantel der Internet-Provider, welche die ersten Support-Level abdecken.

Beides geschieht also hanseatisch dezent, um in neuen Märkten schrittweise Erfahrungen zu gewinnen. Auch deshalb ist von Univention im Produktnamen Open-Xchange Appliance Edition keine Rede. Still in neue Märkte zu gehen, bevor man auftrumpft, war schon vor mehr als 600 Jahren eine Taktik der Hanse.