Google Chrome

Ein verchromtes Ei in wessen Nest?

Von Ludger Schmitz, 04.09.2008

Google hat mit dem Browser „Chrome“ die Offensive gegen Microsoft verstärkt. Doch wird am Ende jedoch eher Firefox zum Kollateralschaden des Marktkampfes? Oder gar die Gesellschaft?

 

Microsoft wird verlieren, darin sind sich alle Analysten einig. Google hat mit Chrome einen Tiefschlag gelandet, kurz bevor das Schwergewicht aus Redmond mit dem Internet Explorer 8 wieder gegen Firefox Punkte machen konnte. 70 Prozent der Browser-Nutzung gehen momentan auf den Internet Explorer. Firefox ist bei 20 Prozent und hat bisher kontinuierlich aufgeholt. An Wochenenden kommt Firefox auf 40 Prozent, ein Hinweis auf die Beliebtheit bei Privatanwendern. Und dass die User auch am Arbeitsplatz gerne hätten, was sie daheim verwenden, weiß man ja. Keine gute Perspektiven für die Internet-Explorer-Festung der Unternehmen.

Google hat artig den Hut gezogen und sich bei den Entwicklern von Mozilla, Firefox etc. bedankt, das Open-Source-Modell gelobt, Chrome selbst quelloffen herausgebracht. Und oben drauf kam die Verlängerung des Kooperationsabkommens mit der Mozilla Foundation bis 2011. Damit bleibt Google der wichtigste Geldgeber für die Firefox-Basis Mozilla.org. Das Unternehmen trug im letzten Jahr mit 57 Millionen Dollar 85 Prozent des Etats der Organisation. Eine Rechnung ist damit aufgegangen: Es ging kein Aufschrei der Empörung durch die Open-Source-Szene.

„Konkurrenz führt oft zu neuen Entwicklungen“, erklärte der irritiert wirkende Mozilla-Chef John Lilly. „Jetzt, wo Google mit im Spiel ist, wird sich diese Entwicklung fortsetzen.“ Unausgesprochen war, aber logisch wäre die Folgerung: Auch Mozilla und Firefox sollten sich bewegen. Das erhoffen sich auch jene in der Open-Source-Gemeinde, die Firefox einen lehrreichen Dämpfer wünschen.

Denn nicht alles ist schon schön, weil das Open-Source-Label drauf klebt. So dürfen Open-Source-Softwarehäuser nur die offiziellen Firefox-Binaries verwenden, wenn sie den Browser in ihre Anwendungen integrieren wollen. Eigene Firefox-Pakete sind nicht erlaubt. Wenn nun gar eine Linux-Distribution ein Faible für Chrome nur andeuten würde, dürfte das Denkprozesse überraschend beschleunigen.

Chrome könnte der nicht unstrittigen These Vortrieb geben, das Web und nicht rechnergebundene Anwendungen seien die Zukunft des Desktops. So spricht Peter Ganten, Chef des Bremer Open-Source-Softwarehauses Univention, dem neuen Browser das Potential zu, „web-basierende Anwendungen zu fördern“. In den Tabs von Chrome können Applikationen laufen. Damit übernimmt der Browser eine Rolle, die ursprünglich dem Betriebssystem zukommt. Es gibt die These, Browser seien die Betriebssysteme von morgen. Web-Applikationen sind, dafür hat Google mit „Gears“ schon gesorgt, nicht auf eine Internet-Verbindung angewiesen.

Jeder Schritt in diese Richtung „bedroht das Kerngeschäft von Microsoft“, meint Elmar Geese, Vorsitzender des Linux-Verbandes (LIVE) . Die Redmonder hätten es halt verpasst, rechtzeitig auf den Zug Richtung Open Source aufzuspringen. Aber Lernfähigkeit traut Geese ihnen zu: „Das Internet hat Microsoft ja auch erst spät verstanden.“

Google ist für Geese ein Fall von angewandter Betriebswirtschaftslehre: „Wer seine Produkte auf Basis von Open Source gestaltet, kann ohne Nutzungslizenzkosten auf ungeheure Werte zurückgreifen. Google schreibt keinen Browser, sondern passt einen Browser an, dessen Code sicherlich einen Wert von etlichen Millionen Dollar hat. Insofern zeigt sich hier wieder einmal die Schwäche rein proprietärer Entwicklungsmodelle.“ Denn im Gegensatz zu Google muss Microsoft alle Arbeiten mit inzwischen zahllosen Produkten allein schultern, „nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein organisatorisches und strategisches Problem“.

Weil sie den Altvorderen in Redmond eine Lektion erteilt haben, bekommen die Browser-Stars allerdings noch längst keine „Standing Ovations“. Schon die reine Marktgröße des Suchmaschinisten macht Univention-Geschäftsführer Ganten Sorgen: „Google kann eines Tages durch eine zu starke Vormachtstellung die Vielfalt und die freie Entfaltung im Web behindern, quasi Online-Microsoft werden.“ LIVE-Vorstand Geese zweifelt an dieser Perspektive und fürchtet anderes: „Problematisch wird’s eher, wenn die vergleichsweise wenigen Riesen einen großen Teil des Internetkuchens aufteilen. Wenn Google, Ebay und Amazon zusammengehen, dürfen wir uns richtig Sorgen machen.“

Aktueller aber sind die Sorgen über das ungeheure Wissen, das Google über die Internet-Nutzer hat und mit Chrome noch einmal ausbauen wird. „Es verstärkt sich das Misstrauen“, kommentiert Rafael Laguna, Chef von Open-Xchange, „dass Google seinen schicken Browser als trojanisches Pferd verwenden könnte, um noch komfortabler Daten über das Nutzerverhalten im Internet zu sammeln.“ Ganten redet deutlicher von „Datensammelwut von Google“ und hält diese für das politische Hauptthema: „Hier hat der gesellschaftliche Diskurs gerade erst begonnen. Und er muss noch in einer breiten Öffentlichkeit geführt werden.“