Oracle steht der Zukunft von MySQL im Weg

Open-Source-Konkurrenzprodukte bekommen Vorschub

Von Ludger Schmitz, 6.8.2012

Recht viel von dem, was man mit einem Open-Source-Produkt falsch machen kann, hat Oracle schon fertiggebracht. Der Beginn einer Anwenderabwanderung zeichnet sich ab.

Mit der Übernahme von Sun im Januar 2010 kam Oracle in den Besitz von drei besonders wichtigen Open-Source-Produkten: Java, OpenOffice und MySQL. Mit der riesigen Java-Community gab es sogleich jede Menge Ärger, die Entwicklung ist ins Stocken geraten, Mobile Java hat heute kaum noch eine Marktchance. Bei OpenOffice kam es gar zur großen Spaltung. Der Fork LibreOffice trennte sich ab. Die Muttersoftware bekam eine gefühlte Ewigkeit keine neuen Releases, und schließlich schob eine offenbar überforderte Oracle die Büro-Suite an die Apache Software Foundation weiter.

Bei MySQL lief es nicht besser. Vielmehr liefen fast sämtliche Entwickler, Support- und Marketing-Spezialisten mit ziemlichen Presseecho davon. Die Entwickler, an ihrer Spitze Michael „Monty“ Widenus, starteten mit Monty Program eine neue Firma, die bald danach mit MariaDB einen Fork von MySQL auf den Markt brachten. Die Reste des urspünglichen MySQL-Teams fanden sich bei SkySQL wieder ein. Dieses Unternehmen bietet professionellen Support für MySQL sowie MariaDB und scheint so eine Art Vertriebsorganisation für den Fork zu sein.

Der nächste Fehler von Oracle bestand im Versuch, auch aus MySQL maximalen Profit herauszuschlagen. Dazu erhöhte es die Preise für MySQL-Support rabiat; zum Teil ist nun mehr als das Dreifache zu bezahlen. Das trieb SkySQL Kunden zu, und MariaDB ist inzwischen bei etlichen Anwendern als mögliche Alternative zu MySQL im Gespräch.

In gewisser Weise steckt MySQL in einer Wachstumsfalle. Nach den Ergebnissen einer vom Analysten Matthew Aslett, The 451 Group, durchgeführten Befragung sollen derzeit 80 Prozent der Anwender MySQL einsetzen. Es ist von weltweit sechs Millionen Anwenderunternehmen die Rede. Da fällt weiteres Wachstum schwer. Der Markt rund um die Open-Source-Datenbank soll im vergangenen Jahr laut Aslett 171 Millionen Dollar schwer gewesen sein. Und die Umsätze sollen bis 2015 jährlich um 40 Prozent auf 664 Millionen Dollar steigen. Storage ist derzeit ein florierendes Geschäft.

Doch gleichzeitig kommt Ungemach auf MySQL zu. Nach Aslett wird trotz höherer Umsätze rund um MySQL die Zahl der Anwender sinken. Der jetzige Verbreitungsgrad von 80 Prozent bei den Unternehmen soll bis 2014 auf 62 Prozent und bis 2017 auf 54 Prozent deutlich fallen. Gleichzeitig stürmen neue Konkurrenten auf den Markt. Das sind laut Aslett vor allem NoSQL-Datenbanken sowie PostgreSQL und MariaDB.

NoSQL wird vielleicht etwas überbetont, weil dieser Datenbanktyp momentan einfach Hype ist. PostgreSQL allerdings durchlebt derzeit eine sehr stürmische Wachstumsphase. MariaDB als „das jüngste Pferd im Rennen“ scheint bisher vor allem technisch zu punkten. Auf der Website von Monty Program führt Firmengründer Widenius zahlreiche Features auf, die MariaDB der Mutter MySQL inzwischen voraus hat. Auffällig sind dabei vor allem Eigenschaften, die komplexe Subqueries performant machen – eine alte Schwäche von MySQL – und der Datenbank in großen verteilten Umgebungen Geschwindigkeit geben. Dies wird auf der Website auch durch vergleichende Benchmark-Tests bestätigt.

Wenn MariaDB die Muttersoftware an Leistungsumfang und Performance abhängt, wird das den MySQL-Anwendern auffallen und irgendwann Konsequenzen haben. Dies vor allem dann, wenn sich als zutreffend herumspricht, was der MySQL-Veteran Kaj Arnö, heute Executive Vice President Products bei SkySQL, behauptet: „Eine Migration von MySQL auf MariaDB verursacht nicht mehr Aufwand als ein Upgrade von einer MySQL-Version zur nächstjüngeren.“

Oracle schaut dem Aufkommen der Konkurrenz ziemlich passiv zu. Zwar hat Oracle MySQL die Versionen 5.5 und 5.6 beschert, die wichtige technische Verbesserungen enthalten. Aber es sind erheblich weniger, als es sich die Altvorderen von MySQL und Anwender zu Sun-Zeiten vorgestellt haben. Die wollten damals nicht weniger, als MySQL in die proprietäre Spitzenliga von Oracle und IBM DB2 heben.

Daraus wird aber nicht werden. Denn dadurch würde Oracle sein proprietäres Datenbankgeschäft kannibalisieren. Das kann nicht im Sinne von Larry Ellison und den Oracle-Aktionären sein. Ergo muss MySQL etwas dahinsiechen; es darf nichts bekommen, was das Kern-Business in Gefahr bringen könnte. Und aus dem gleichen Grund wird auch nichts aus dem Wunsch, Oracle möge MySQL analog zu OpenOffice der Apache Software Foundation übereignen. Dann könnte die Open-Source-Datenbank ja ähnlich wie Open-Source-Suite ein Revival erleben – und für Oracle gefährlich werden.

Dass die strategischen Fehler von Oracle mit MySQL den Dissidenten die ohnehin bestehenden Marktchancen nur verbessern, hat auch das Venture Capital bemerkt. So hat SkySQL allein in diesem Jahr sechs Millionen Dollar Risikokapital erhalten. Monty Program braucht derlei nicht. Seine Gründer verfügen über den größten Teil der einen Milliarde Dollar, die beim Verkauf von MySQL Ab an Sun hereinkam. Die Konkurrenz wird auf absehbare Zeit MySQL nicht ernsthaft bedrohlich, aber sie geht für den Anfang ganz gut gerüstet ins Rennen.

*Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf der Website der Open Source Business Alliance.