Der LinuxTag gewinnt eine politische Dimension

Mehr Offenheit in allen Bereichen der Gesellschaft gefordert

Von Ludger Schmitz, 2.6.2012

Der diesjährige LinuxTag Ende Mai in Berlin hatte einen deutlich anderen Charakter als seine 17 Vorgängerveranstaltungen. Neben technischen Fachveranstaltungen, Behörden- und Businesskongress war Politik ein zentrales Thema.

Offenbar hat der plötzliche Höhenflug der Piratenpartei auch beim LinuxTag Folgen gezeitigt. „Dies wird der politischste aller LinuxTage“, hatte Petra Kuhfuß, Projektmanagerin für den LinuxTag bei der Messe Berlin, angekündigt, und so kam es. Dass die Bundes-CIO Cornelia Rogall-Grothe in ihrem Grußwort offene Standards und Interoperabilität in den Vordergrund schob, war symptomatisch. Open Source spielt eine geringere Rolle. Was auch daran liegen dürfte, dass Open-Source-Software längst allgegenwärtig ist und an ihr ohnehin kein Weg mehr vorbei geht.

Die Gewichtsverschiebung aber hat einem neuen Themenspektrum Raum gegeben. Am ersten Tag der Veranstaltung gab es eine Podiumsdiskussion von Parteivertretern zu Streitfragen der Netzpolitik. Das war ein Heimspiel für die Piraten. Denn sie haben eine spürbar stärkere Affinität zu IT-Themen, auch wenn erhebliche Teile des Publikums ihnen in vielen Punkten nicht zustimmen. Demgegenüber wirken Vertreter anderer Parteien weniger glaubwürdig oder als Einzelkämpfer in ihren Parteien.

Damit hatte auch FDP-Bundestagsmitglied Jimmy Schulz zu kämpfen, der in politisch engagierten Open-Source-Kreisen hohe Anerkennung genießt. Immerhin, seine Keynote-Rede am Mittag des zweiten Veranstaltungstags hatte ein kennzeichnendes Thema: „Neue Wege für die Demokratie – oder: Wie Politik von OSS-Entwicklung lernen kann“. Das war nicht nur ein weiterer Höhepunkt für Politik auf dem LinuxTag, sondern auch eine Verbeugung vor den Open-Source-Engagierten. Thematisch in die gleiche Kerbe schlug ein Vertreter der Berliner Piraten am abschließenden Samstag: „Wie Open Source der Politik helfen kann“.

Einen wichtigen Beitrag, der diesen LinuxTag politischer machte, leistete die OSB Alliance. Sie, das heißt vor allem ihr Ehrenvorsitzender Karl-Heinz Strassemeyer, organisierte das Forum „Open Minds Economy“. Auf dem letztjährigen LinuxTag hatte es einen „Open Minds Manager Morning“ gegeben; jetzt war daraus ein ganztägiges Programm geworden. Open Minds Economy, so Strassemeyer einleitend, sei ein „Erfolgsmodell für viele Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft“, indem es „die nachhaltige Wertschöpfung durch offene Formen der Zusammenarbeit in Industrie, Wissenschaft und Gesellschaft“ in den Vordergrund stellt.

In den Vorträgen dieses Forums kamen erste Ansätze zur Sprache. Besonders im Bereich Bildung scheinen sich Möglichkeiten zu eröffnen. Vor allem der engagierte Vortrag des einzigen deutschen Open-Source-Professors Dirk Riehle von der Universität Erlangen überzeugte. Riehle erläuterte, warum er grundsätzlich die von ihm verfassten Lehrmaterialien öffentlich und kostenlos verfügbar macht. Das Feedback sei dadurch deutlich höher und intensiver, was wiederum die Qualität der Inhalte fördert. Manche anderen Beiträge waren noch stark vom IT-Background der Redner geprägt. Aber es muss schon als Erfolg gewertet werden, dass es überhaupt gelang, zu einem völlig neuen thematischen Ansatz ein ganztägiges Vortragsprogramm auf die Beine zu stellen.

Der LinuxTag hat auch durch das Engagement der OSB Alliance eine neue Ausprägung bekommen. Es geht nicht mehr „nur“ um offenen Sourcecode, sondern darüber hinaus um Open Computing, um offene Standards und Schnittstellen, um Open Collaboration von Softwareherstellern untereinander sowie von Herstellern und Anwendern, um Open Innovation und Lizenzfreiheit. Es geht um Open Data und Open Government im öffentlichen Sektor sowie um Open Access im Bildungsbereich.

Neben der politischen Ausrichtung des LinuxTags ist es eine Beobachtung wert festgehalten zu werden: Die Berichte über die Migrationsprojekte in Treuchtlingen und München, die früher den Saal gefüllt hätten, waren nur recht schwach besucht. Deutlich mehr Leute wollten James Utzschneider von Microsoft hören. Die Firma war ein Hauptsponsor des LinuxTags – früher undenkbar – und als solcher für eine Keynote berechtigt. „We have changed as a company and have become more open“, begann der Topmanager aus Seattle und zählte dann auf, wie sich Microsoft für offene Standards engagiert und seine Systeme für Open-Source-Anwendungen öffnet.

Die Reaktion des Publikums in der anschließenden Diskussion war ausgesprochen ruhig und sachlich, von der Hitzigkeit früherer Auseinandersetzungen ist nichts mehr zu spüren. Offenbar ist das Signal doch herübergekommen, dass Microsoft nicht mehr „the empire of evil“ ist, die Open-Source-Welt existenziell bedroht, sondern sich auf Koexistenz eingerichtet hat. Von einem friedlichen Nebeneinander würde auch die Open-Source-Welt profitieren. Sie hätte weniger Aufwand mit Kämpfen und mehr Zeit für konkrete Entwicklungen an Produkten, Interoperabilität und für mehr Engagement in einem politische Umfeld, das sich mit Open Data und Open Government weiter öffnet.

*Dieser Beitrag ist zusammengesetzt aus Artikeln für die Open Source Business Alliance und den Mitglieder-Newsletter der Open Source Business Foundation.