München saniert und spart mit Open Source

Kein Erfolg bei der Migration weg von Microsoft ohne langen Atem

Von Ludger Schmitz, 31.3.2012

Entgegen einiger gescheiterter Projekte in anderen Kommunen macht in der bayrischen Landeshauptstadt die Ablösung der Microsoft-dominierten Desktop-Umgebung durch Linux und Open-Source-Anwendungen Fortschritte – und sich bezahlt.

In der letzten Zeit schienen die Gegner der Open-Source-Migration von Kommunen wieder Argumente zu sammeln. Das Projekt in Solothurn wurde revidiert, das in Wien gestoppt. In Freiburg steht die Ausrichtung auf OpenOffice wieder auf dem Prüfstand; in Leonberg ist es schon kein Thema mehr. Derweil haben die IT-Verantwortlichen in München ihren Kurs fortgesetzt und werden nun dafür belohnt.

Denn die Verantwortlichen für diese Migration haben es geschafft, sämtliche Makros aus MS-Office auf OpenOffice zu bringen. Diese Aufgabe erwies sich nach dem Beschluss zum Wechsel als zunächst entmutigend. Denn schon die erste Durchsicht ergab einen Bestand von 7.000 Makros, später sollte sich zeigen, dass es sogar 21.000 waren – wie zu erwarten größtenteils undokumentiert und durch keine Instanz gesteuert.

Bei genauerem Hinsehen erwiesen sich ein großer Teil als Dublikate, ein noch größerer Teil unterschied sich nur durch personenspezifische Briefköpfe. Dieses Problem ließ sich durch ein einziges Basismakro beseitigen, über das man personelle Informationen einfügen kann. Insgesamt konnte das Migrationsprojekt die Zahl der Office-Vorlagen plus einer noch größeren Zahl von Formularen um 40 Prozent reduzieren. Im Kern gibt es heute noch rund 100 Makros für Fachanwendungen und 38 zentral gepflegte Web-Anwendungen, die jetzt dokumentiert sind und aus einem Repository aufzurufen sind. Im Übrigen sind inzwischen 10.000 der 14.000 Desktops in der Münchner Stadtverwaltung auf Linux und Open-Source-Anwendungen umgestellt.

Dieser Erfolg hat sich auch in betriebswirtschaftlichen Ergebnissen niedergeschlagen. Die hat Oberbürgermeister Christian Ude in einer Antwort auf eine Anfrage der CSU im Stadtrat vorgelegt. Und sie könnten andere Kommunen ermuntern, sich ebenfalls von Windows und MS-Office abzuwenden – zumindest aber eignen sie sich bestens als Druckmittel in Lizenzverhandlungen mit Microsoft.

Die Stadt hat durchgerechnet, was das LiMux-Projekt gekostet hat und was ein weiterer Betrieb mit Windows gekostet hätte. Das LiMux-Projekt ist bis Ende Dezember 2011 mit 11,7 Millionen Euro zu Buche geschlagen. Wäre es bei Windows-Systemen geblieben, hätte das 11,8 Millionen Euro Lizenzgebühren gekostet. Diese Berechnung berücksichtigt allerdings nur 7500 Windows-Lizenzen, die vor zwei Jahren als ersetzbar angesehen wurden. Zum Ende letzten Jahres waren allerdings schon 9600 PCs auf Linux umgestellt (inzwischen sind es sogar 10.000, wie hier gemeldet). Daher muss man noch 1,65 Millionen Euro zu den Windows-Kosten hinzuaddieren. Außerdem wurde das LiMux-Projekt um ein in Windows-Zeiten nicht vorhandenes Anforderungs- und Testmanagement erweitert, das 2,08 Millionen Euro gekostet hat.

Insgesamt hätte München für ein Weitermachen mit Windows 15,52 Millionen Euro berappen müssen. Die Linux-Migration hat also rund 25 Prozent Kosten erspart, obwohl jede Umstellung per se ins Kontor haut. Das ist aber noch nicht alles. Im Microsoft-Szenario wären alle drei bis vier Jahre Updates von Windows und Office notwendig gewesen. Bei rund 10.000 PCs wären dafür 2,8 Millionen Euro fällig gewesen. Bei Linux und anderen Open-Source-Produkten entstehen solche Kosten nicht.

Interessanterweise ging Münchens OB Ude auch auf Anwenderprobleme ein, deren Zunahme die CSU-Fraktion im Stadtrat in ihrer Anfrage vermutete. Nichts dergleichen ist zu erkennen. Es lässt sich nicht verfolgen, welche Anfragen beim Helpdesk sich darauf bezogen, dass die User mit ihrer neuen Umgebung trotz diverser Schulungen nicht zurechtkamen. Denn hier schlagen auch die Incidents und Events durch andere Störungen (Server, Netz, Datenbanken, externe Kommunikationsverbindungen etc.) auf.

Allerdings deutet einiges darauf hin, dass die Zunahme der LiMux-Arbeitsplätze sogar mit einer Abnahme der Incidents einhergeht. Denn die Zahl der Störungsmeldungen ist von maximal 70 pro Monat auf 46 gesunken. Und das, obwohl gleichzeitig die Zahl der Linux-Desktops immer mehr zugenommen hat.

Auch die Zahl der monatlichen Störungsmeldungen pro LiMux-Arbeitsplatz nimmt stetig ab. Die Zahl der monatlichen Tickets pro 1000 Linux-PC lag Anfang 2009 noch bei 46, seit September 2010 sind es fast regelmäßig weniger als fünf. Und das trotz einer schnellen Zunahme der Linux-Desktops. In einer vergleichenden Grafik von Zahl der Linux-PCs und Fehlermeldungen musste die Zahl der Tickets zehnfach erhöht werden, um überhaupt noch über der Nulllinie erkennbar zu sein.

OB Ude konnte es sich in seiner Antwort an die CSU leisten, die finanziellen Ergebnisse nicht einmal zu bewerten. Sie sind ohnehin eine klare Klatsche. Zum zweiten Aspekt lobte er „eine stetig wachsende Qualität des LiMux-Arbeitsplatzes“ und den Service der städtischen IT-Organisation.

Grundlage dieses Beistrags sind zwei zuvor erschienene Meldungen von mir: ein Blog-Eintrag auf der Website des Bonner IT-Dienstleisters Tarent und eine Nachricht für die monatlichen Mitglieder-Newsletter der Open Source Business Foundation (OSBF).