Open Source und Cloud Computing (Teil 2)

Die Entwicklung in Deutschland

Von Ludger Schmitz, 26.2.2012

Es ging vor nicht einmal drei Jahren los. Seither stürzt sich die deutsche Open-Source-Gemeinde mit Energie auf das Thema Cloud Computing.

Das Thema Cloud Computing ist in der deutschen Open-Source-Szene auch nicht ganz früh angekommen. Schon kurz nach dem Open Cloud Manifesto und dem ersten Anstoß zur Open Cloud Initiative (OCI, siehe Teile 1) fand Ende September 2009 in Frankfurt die Konferenz CloudCamp statt, auf der OCI-Initiator Sam Johnston sprach. Das hatte zur Folge, dass in der damaligen Linux Solutions Group (Lisog) die Idee entstand, deren Projekt Open Source Stack gleich in die Cloud zu heben. Dieses Projekt, heute unter dem Titel Open Source Stack Integration, zielt auf ein Bündel aufeinander abgestimmter Lösungen von Linux bis zu Anwendungen, die sich leicht in Betrieb nehmen lassen.

Es war vor allem Thomas Uhl von der Stuttgarter Topalis Gruppe, ein in der deutschen Open-Source-Szene bestens Bekannter, der die Idee zum Projekt Deutsche Wolke vorantrieb. Das Ziel war ein Cloud-Angebot mit Anbietern, Betrieb, Service und Support in Deutschland. Es gelang, zur CeBIT 2011 einen so genannten Show Case auf die Beine zu stellen. Dieses war nicht mehr als ein Basis-Setup für eine Open-Source-Cloud: Equinix war der Hoster, Boston Europe stellte Server zur Verfügung, Storage-Software steuerte Rising Tide bei, das IaaS-Framework kam von OpenQRM, und die Datenwerk GmbH war der Integrator der Komponenten und Cloud-Betreiber.

Weitere Beteiligte in dem Projekt sind die deutschen Anbieter Agorum, Emulex, SEP, Suse und Tarent. Einmal wöchentlich gibt es eine Telefonkonferenz, auf der laufende Entwicklungen und die nächsten Schritte beschlossen werden. „Wir wollen aber nicht noch ein Angebot von Infrastructure- oder Platform-as-a-Service“, erklärt Uhl, „wir wollen auch noch Software-as-a-Service draufsetzen.“

Die erste Applikation war das Documenten-Managementsystem (DMS) Agorum vom gleichnamigen Anbieter. Als nächstes stehen das Projektmanagament Projectile von InformationDesire und die Groupware von Zarafa auf dem Programm. Wer als Anbieter dabei sein will, muss zuerst Mitglied in der Open Source Business Alliance (OSB Alliance) werden, die aus dem Zusammenschluss von Lisog und LIVE Linux-Verband entstanden ist.

Erster Anwender war die für ihr Open-Source-Engagement bekannte Stadt Schwäbisch Hall. Sie repliziert den Content ihres Agorum-DMS zum Backup in die Deutsche Wolke. Wer das noch rudimentäre Angebot ebenfalls nutzen möchte, muss sich an den Frankfurter Betreiber Datenwerk wenden. „Bei der Deutschen Wolke kann man nichts kaufen“, erklärt Uhl. Der ehrenamtlich arbeitende Vorstand der OSB Alliance wolle nicht haftbar sein.

Etwa zur gleichen Zeit wie die Deutsche Wolke entstand ein weiteres Open-Cloud-Projekt. Im Januar 2011 trafen sich erstmals Cloud-interessierte Mitglieder der Open Source Business Foundation (OSBF). Im September dieses Jahres stellte sich die daraus entstandene „Open Cloud Business Initiative“ (OCBI) vor, laut Leiter Ricco Deutscher als ein Projekt, dass noch Mitstreiter sucht und ihre Ziele noch mit Inhalten füllen muss.

Zusammengefasst sind die Ziele im Basisdokument „Prinzipien einer Open Cloud“. Diese gehen über die der Open Cloud Initiative hinaus. „Richtig und notwendig“ seien deren Forderungen, ausschließlich offene Standardformate zu verwenden, Funktionalitäten über offene Standardschnittstellen zur Verfügung zu stellen sowie die Eigentums- und Zugriffsrechte für die verarbeiteten Daten vom Cloud-Anwender bestimmen zu lassen. Doch darüber hinaus legt die OCBI Wert auf rechtliche und soziale Aspekte.

Zu den rechtlichen Aspekten gehört, dass ein Open-Cloud-Service erstens jedem Benutzer oder einem anderen Service ohne Diskriminierung zugänglich sein muss. Zweitens hat er keinerlei Rechte an den Daten der User, wäre gegebenenfalls auch gezwungen sämtliche Daten eines Benutzers wieder zu löschen. Das ist in den Geschäftsbedingungen von beispielsweise Google, Amazon und Facebook nicht vorgesehen.

Unter den sozialen Aspekten lässt sich die Intention der OCBI erkennen, Prinzipien der Open-Source-Entwicklung in die Wolke zu übertragen. So sollen andere Anbieter bestehende Open-Cloud-Services zu höherwertigen aggregieren, also quasi andere Stacks bauen können. Damit nun nicht die technische Entwicklung eines Service andere beeinträchtigt oder funktionsunfähig macht, braucht es Governance-Prozesse. Veränderungen sollen also über geeignete Infrastrukturen abgestimmt werden. Dafür schweben der OCBI ähnliche Verfahren wie in der Apache- oder der Eclipse-Foundation vor.

Auf der technischen Ebene unterscheidet sich die OCBI von der Deutschen Wolke dadurch, dass sie, jedenfalls momentan, anscheinend kein Cloud-Angebot von Open-Source-Produkten anstrebt. Der Offenheit soll ein anderer Hebel voranhelfen, der aus dem OSBF-Projekt Interoperability stammt: Alle Daten gehen als HTML im Klartext beschrieben in die Cloud und ließen sich nach diesem Standard auch von einem zu einem anderen Anbieter verschieben.

Gleichwohl gibt es zwischen OCBI und Deutsche Wolke eigentlich keine wirklich gewichtigen Differenzen. Beide formulieren Rahmenbedingungen für eine offene Cloud. Deren Erfüllung ließe sich überprüfen und mit einem Zertifikat testieren – eine Idee, die bei der OCBI wie im Projekt Deutsche Wolke besteht. Nur in einem Punkt gibt es einen deutlichen Unterschied: Die Deutsche Wolke lehnt in Anlehnung an die OCI die Nutzung von patentbehafteten Schnittstellen ab, die OCBI hat nichts dagegen, solange die Nutzung der Patente nach den Prinzipien Fair, Reasonable and Non-Discriminatory (FRAND) allen offensteht.

Obwohl die Open-Source-Bewegung in Deutschland in Sachen Cloud noch kaum nutzbare Angebote vorzuweisen hat, braucht sie den internationalen Vergleich nicht zu scheuen. Die deutschen Open-Source-Anbieter haben die Herausforderung Cloud laut Uhl angenommen: „Sie wollen schnellstmöglich in die Cloud – und zwar in eine offene.“

So erklärte Peter Ganten, Gründer des Bremer Anbieters Univention, im Januar 2010, auf einer Partnerkonferenz, sein Unternehmen wolle das Kernprodukt Univention Corporate Server (UCS) Cloud-fähig machen. Ganten heute: „Wir werden definitiv nicht Cloud-Anbieter werden und dafür eigene Rechenzentren aufbauen. Wir liefern die Lösungen für Clouds, die aber auch noch lange auf On-premise-Servern laufen werden.“ Die Debian-basierende Infrastrukturlösung UCS soll sich demnächst samt ihrem Identity- und Berechtigungs-Management vor allem für Private Clouds eignen. Inzwischen ist davon auszugehen, dass UCS in der Deutschen Wolke neben Suse und Red Hat die Linux-Basis in der Deutschen Wolke werden dürfte.

Wahlfreiheit wird in der Deutschen Wolke ohnehin groß geschrieben. Deshalb macht es nichts, dass das Projektmitglied Tarent aus Bonn mit OSIAM auch ein Identity- und Berechtigungs-Management einbringen könnte. Das ist für den Anbieter nur das erste Produkt, das sich klar auf die Cloud richtet. Geschäftsführer Elmar Geese erläutert die Orientierung: „Wenn ein Mitarbeiter mit einer Idee für ein neues Business-Produkt kommt, prüfen wir immer, ob es in der Cloud funktioniert. Wenn es das nicht tut, interessiert uns die Idee nicht weiter. Cloud-Fähigkeit ist bei uns ein klares Kriterium in der Produktentwicklung.“

„Das zeigt, dass Open Source vor nichts mehr halt macht“, kommentiert Deutsche-Wolke-Initiator Uhl. „Und wir sind nicht mehr so spät dran wie früher.“

*Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf dem Portal SearchCloudComputing.de.