Open Source und Cloud Computing (Teil 1)

Alte Prinzipien kollidieren mit einem neuen IT-Modell

Von Ludger Schmitz, 24.2.2012

Die Open-Source-Bewegung tut sich immer noch schwer, sich eine Meinung zum Cloud Computing zu erarbeiten. Ist am Ende nicht der Quellcode wichtig, sondern nur offene APIs?

Viele Open-Source-Freunde sind beim Thema Cloud etwas irritiert. Die Open-Source-Definition trifft auf Cloud Computing nicht zu. Kurz gesagt: Die Verfügung über den Quellcode eines Programms interessiert einen Cloud-Anwender erst einmal nicht, schließlich will er eine Anwendung nicht selbst betreiben, sondern lediglich ihre Funktionen aus der Wolke als Service nutzen.

Dass aber von Anfang an die Cloud-Angebote von IT Anbietern dermaßen von proprietären Eigenschaften geprägt waren, war nicht nur eine Herausforderung für die Open-Source-Community. Vendor-Lock-in drohte. Den Vogel schoss dabei Dell ab mit dem vergeblichen Versuch, den Begriff Cloud Computing als Warenzeichen schützen zu lassen. Wenn Cloud Computing nicht gleich sterben sollte, brauchte es ein Minimum an Offenheit, um die potenziellen Anwender nicht gleich völlig zu verschrecken. Das war bald auch proprietären Anbietern klar.

Am 1. April 2009 erschien das „Open Cloud Manifesto“ mit dem Zusatz: „Dedicated to the belief that the cloud should be open“. Das Dokument haben bis heute mehr als 400 Firmen unterzeichnet, darunter zahlreiche Open-Source-Anbieter, aber auch einige Größen der IT-Branche wie IBM, HP, SAP, Sun und VMware – nicht aber Amazon, Dell, Google, Microsoft und Oracle. Der Kernsatz des Manifestes lautet: „Cloud-Anbieter dürfen ihre Marktposition nicht nutzen, um Kunden an die jeweilige Plattform zu binden und ihre Provider-Auswahl zu beschränken.“

Um das möglich zu machen, sollten die Anbieter Standards verwenden und solche, wo noch nicht vorhanden, gemeinsam neu entwickeln. Dieses müsse unter dem „Imperativ der Anwenderanforderungen“ stehen. Konkret wird das Manifest aber nicht. Beispielsweise wird weder definiert, wie die technischen Rahmenbedingungen auszusehen haben oder wer sie definiert oder wie die Anwenderanforderungen einfließen können. Das Manifest ist also eine eigentlich unverbindliche Vorgabe für Geschäftsprinzipien von Cloud-Anbietern.

Wenige Tage nach dem Manifest veröffentlichte ein Australier, Sam Johnston, eine Cloud-Analyse aus Open-Source-Sicht. Er unterscheidet zwischen vier verschiedenen Cloud-Formen, wobei sich zeigt, dass die Verwendung offener Programmierschnittstellen und herstellerunabhängiger Standards den Unterschied zwischen „closed“ und „open“ ausmacht. Offen ist nach seiner Forderung nur, was öffentlich nachvollziehbar dokumentiert, ohne Kosten und ohne Patentlizenzen nutzbar ist. Damals rief Johnston zur Gründung einer Open Cloud Initiative auf.

Aus der wurde erst einmal nichts. Gleichwohl nahm in dieser Zeit die Diskussion des Cloud-Themas in der Open-Source-Szene zu. Langsam wurde klar, dass es nicht um eine Übernahme der Open-Source-Definition gehen konnte, sondern dass deren Intentionen verfolgt werden sollten. Also Freiheit der Anwender, Hersteller-Unabhängigkeit etc. Ganz ähnlich wie im Manifesto, aber immer noch nicht konkreter.

Closed-Cloud-Computing verbreitete derweil zäher, als dem Modell eigentlich zuzutrauen wäre. Schließlich platzte dem Standardisierungsgremium Institute of Electrical and Electronical Engineers (IEEE), eins der weltweit wichtigsten, mächtigsten, aber auch behäbigsten Standardisierungsgremien, der Kragen. Es kündigte im April 2011 eine „Cloud Computing Initiative“ an, die in zwei Arbeitsgruppen Standards für Interoperabilität in der IT-Wolke erarbeiten soll.

Die Begründung der IEEE für ihre Aktivität war eine schallende Ohrfeige für alle Cloud-Anbieter: „Ohne ein flexibles, gemeinsames Rahmenwerk für Interoperabilität, könnte Innovation aufgehalten werden und uns ein System von Silos hinterlassen.“ Das IEEE wolle „Fragmentierung minimieren und sicherstellen, dass Cloud Computing sein gesamtes Potenzial erschließt“. Zur Lösung will das IEEE „open source references“ einsetzen, wobei nicht genau beschrieben ist, was die sein sollen.

Ende Juli 2011 konnte dann die Open-Source-Bewegung wieder ein Zeichen setzen. Auf der Kongressmesse OSCON in Portland, Oregon, stellte sich die von Sam Johnston vorangetriebene Open Cloud Initiative (OCI) vor. Sie betont in ihrem Grundsatzdokument Freiheit der Anwender und freien Wettbewerb zwischen Anbietern gleichermaßen. Die Grundlagen dafür beschreiben die „Open Cloud Principles“ (OCP).

Diese fordern Interoperabilität der Cloud-Angebote, damit Anwender ihre Daten zwischen den Anbietern verlagern können, sowie ungehinderten Zugang und Abgang zu/von Cloud-Diensten. Das setzt voraus, dass Anbieter dafür notwendige Standards nutzen und gegebenenfalls in einem offenen Prozess neue entwickeln. Die OCI definiert Open Cloud über zwei Punkte: Erstens müssen alle Anwenderdaten und auch die Metadaten in offenen Standardformaten vorliegen. Zweitens müssen alle Funktionalitäten einer Cloud ebenfalls über Interfaces auf der Basis offener Standards zu adressieren sein.

Für offene Standards gelten bei der OCI enge Anforderungen. Sie müssen detailliert dokumentiert, veröffentlicht sowie zugänglich und kostenlos nutzbar sein. Gegebenenfalls in einem Standard vorhandenen Patente müssen sich unwiderruflich lizenzkostenfrei nutzen lassen. Alle Markenrechte dürfen ausschließlich einer nicht-diskriminierenden Bestätigung der Compliance dienen. Schließlich müssen die Client- und Server-seitige Implementierungen gewissenhaft und interoperabel sein und unter einer von der Open Source Initiative (OSI) anerkannten Lizenz stehen oder Public Domain sein. Diese Forderungen will die OCI sogar weltweit in Gesetze zum Cloud Computing einbringen.

Diese Initiative der Open-Source-Bewegung traut sich also einiges zu. Und es sind nicht gerade irgendwelche Hanseln, die das tun. Neben Sam Johnston als Vorstand ist im Direktorium Sam Ramji der bekannteste. Er war einst oberster Open-Source-Stratege bei Microsoft. Ferner gehören unter anderem dazu: Rick Clark, Principal Engineer für Cloud Computing bei Cisco, Noirin Plunkett, Executive Vice President der Apache Software Foundation, und Marc Fleischmann, Chef von Rising Tide Systems. Auch ein Apostel aus der deutschen Open-Source-Szene ist im Direktorium: Thomas Uhl, Vorstand der Linux Solutions Group (Lisog) und Gründer der Cloud-Initiative Deutsche Wolke.

*Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf dem Portal SearchCloudComputing.de.