Sind offene APIs wichtiger als Open Source? (Teil 2)

Die Debatte über die Folgen von Cloud Computing geht weiter

Von Ludger Schmitz, 19.2.2012

Erst war es Matt Asay, der die Frage offene Schnittstellen für wichtiger fand als Open Source. Jetzt haut ein angesehener Analyst in die gleiche Kerbe.

Cloud Computing, so heißt es, wird die IT komplett umgestalten. Nichts soll bleiben von dem, was uns einst und bis heute IT-strategisch so wichtig war und ist. Auch eher zurückhaltende Zeitgenossen reden von einem „Paradigmen-Wechsel“. Jetzt scheint dieser der Open-Source-Szene eine neue Grundsatzdebatte eingebracht zu haben. Ist Open Source künftig noch so wichtig wie in den letzten zehn Jahren, oder werden offene Anwendungsprogrammier-Schnittstellen (APIs) wichtiger?

„Open APIs Are the New Open Source“, lautet eine Schlagzeile ausgerechnet in der Publikation „LinuxInsider“. Noch überraschender ist, wer sie verfasst hat: Jay Lyman, ein leitender Analyst bei 451 Research. Dort ist er Mitautor eines Blogs „Commercial Adoption of Open Source“ (CAOS) – und in dem bisher ausschließlich aufgefallen durch sehr fundierte Untersuchungen, die immer die Vorteile von Open Source hervorgehoben haben.

Nein, Lyman hat sich nicht vom Paulus zum Saulus gewandelt. „Open Source, offene Standards, Open Clouds und besonders Open Data dienen weiter als Grundlagen moderner IT-Offenheit“, schreibt er. Aber die APIs seien inzwischen ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger. Vor rund zehn Jahren sei Open-Source-Software für die Anwender gut genug geworden. Heute habe alle Software offene APIs, „und ich glaube, wir sind an einem Punkt, wo nicht-offene Software 'offen genug' ist“. Als Beispiel führt er die Cloud APIs der Amazon Web Services an. Die sind gut dokumentiert, deshalb einfach zu adressieren, obwohl sie nicht Open Source sind. Die AWS erfreuen sich großer Beliebtheit; die Anwender stimmen mit ihrer Nachfrage ab. Fazit: Offene APIs sind offen genug.

Lymans Artikel war kaum erschienen, da regte sich schon der zu erwartende Widerspruch. Einer der ersten war Brian Proffitt, Redakteur bei „ITWorld“ und ein alter Open-Source-Hase. Er wandte primär ein, offene APIs reduzierten im Gegensatz zu Open Source nicht die Herstellerabhängigkeit, das Vendor Lock-in. Denn über offene APIs bekommen Anwender nur Zugriff auf die Services, die ein Anbieter zu einem bestimmten Zeitpunkt offeriert. Die Services und die finanziellen Konditionen dafür können sich jederzeit ändern, ohne dass ein Anwender unproblematisch zu einem anderen Anbieter wechseln könnte. Seine IT.Struktur ist schließlich auf diese APIs ausgerichtet, was sich nicht so mal eben schnell ändern lässt.

Proffitt stellt dem entgegen: Open Source bedeutet, dass ein Anwender mit seinen Wünschen und mit seinem Engagement einen gewissen Einfluss auf die Entwickler-Community hat. Bei proprietären Cloud-Anbieter, da können die APIs noch so offen sein, haben Anwender keinen Einfluss. Bestenfalls bereichern sie, wenn sie attraktive Applikationen in eine proprietäre Cloud einstellen (Beispiel Apple), das Angebot dieses Anbieters.

Meines Erachtens zeigen sowohl die Einschätzung von Lyman wie auch der Widerspruch von Proffitt, dass weite Teile der Open-Source-Szene sich noch schwer tun mit einer Beurteilung von Cloud Computing. Open Source on premise und Open Cloud in der Wolke zielen im Grunde beide auf eins: Freiheit der Anwender statt proprietärem Lock-in. Diese Freiheit lässt sich nur durch Offenheit erzielen. Offene APIs sind dazu nicht genug.

Es reicht nicht, APIs ausführlich zu beschreiben. Das sind Dokumente, und die sind folglich immer interpretationsfähig, auch ohne bösen Willen wandelbar. Es muss also eine Referenzimplementierung geben, die unumstößliche Prinzipien beschreibt, welche auch bei zukünftigen Änderungen (aufwärtskompatibel) gelten. Dieses System lässt sich glaubhaft nur machen, wenn in den API ausschließlich offene Standards Verwendung finden. Die dürfen nicht lizenzbehaftet sein, um vor künftigen Überraschungen sicher zu sein. Das ist es, was die Open Cloud Initiative und die Initiative Deutsche Wolke wollen (mehr dazu hier und hier).

Eigentlich ist man dann schon sehr nahe dran an Open-Source-APIs. Warum nicht gleich mit Open-Source-APIs arbeiten? Eher früher als später werden die in der Cloud ein ähnlich gutes Verkaufsargument sein, wie es Open Source im On-premise-Computing war und ist.

*Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf der Website des Bonner IT-Dienstleisters Tarent.