Neuer Schub für Open Cloud Computing

Die OASIS will mit TOSCA für Offenheit sorgen

Von Ludger Schmitz, 27.1.2012

Mittels eines Interoperabilitätsstandards sollen sich Cloud-Applikationen zwischen verschiedenen Provider verschieben lassen.

Offenbar macht sich bei den bisher vornehmlich proprietär aufgestellten Cloud-Anbietern die Erkenntnis breit, dass sie auf dem Holzweg sind, solange Anwender spüren, dass ihnen ein Vendor Lock-in droht. Der Cloud-Markt ist global weit von dem entfernt, was die Marktanalysten unisono prognostiziert haben, in Deutschland sogar meilenweit. Jeder weiß inzwischen, dass Cloud Computing nicht nur finanziell unschlagbar günstig ist, sondern vor allem mehr Flexibilität und Agilität bringt. Aber die Anwender sind keineswegs bereit, sich für diese Vorteile in die Abhängigkeit von Herstellern zu begeben. Die Anbieter haben es zu spüren bekommen; sie sind zunehmend bereit zu reagieren.

Zuerst war da im April 2009 ein herzlich unverbindliches „Open Cloud Manifesto“, ohne jede konkrete Ansage, wie die angestrebte Offenheit von Clouds erreicht werden soll. Entsprechend lang ist die Liste der Unterzeichner, die nach der Unterschrift wohl gleich wieder zum Tagesgeschäft wie gehabt übergegangen sind.

Zwei Jahre später, vor gerade neun Monaten, ist dann der angesehenen, aber behäbigen Standardisierunggremium Institute of Electrical and Electronical Engineers (IEEE) der Kragen geplatzt. „Ohne ein flexibles, gemeinsames Rahmenwerk für Interoperabilität, könnte Innovation aufgehalten werden und uns ein System von Silos hinterlassen.“ Deswegen startete die Organisation eine „Cloud Computing Initiative“, die in zwei „Working Groups“ an Standards für Cloud-Portabilität und Interoperabilität arbeitet.

Das IEEE erklärte damals, es wolle „Fragmentierung minimieren und sicherstellen, dass Cloud Computing sein gesamtes Potenzial erschließt“. Offenbar macht sich auch unter den Cloud-Anbietern langsam die Erkenntnis breit, dass sie sich mit ihren bisherigen Versuchen, Anwender in ein Cloud-Vendor Lock-in zu verlocken, auf Dauer den Erfolg verbauen.

So eine Cloud-Anbieter-Gemeinschaft hat die Welt noch nicht gesehen: 3M, ASG Software (die Visionapp-Muttergesellschaft), CA Technologies, Capgemini, Cisco, Citrix, EMC, Gale Technologies, IBM, Jericho Systems, Morphlabs, NetApp, PwC, Red Hat, SAP, Software AG, Telus, Virtunomic und WS02. Die alle stehen nun hinter einer Initiative der OASIS, der Organization for the Advancement of Structured Information Standards. Unter dem Namen „Topology and Orchestration Specification for Cloud Applications, kurz Tosca, wollen sie Interoperabilitätsstandards erarbeiten, auf dessen Basis sich Cloud-Applikationen zwischen verschiedenen Providern verschieben lassen.

Nun weiß jeder IT-historisch erfahrener Beobachter, besonders ein Kenner der Unix-Geschichte, dass das mit den offenen Standards so eine Sache ist. Standards sind Papierdokumente, und man muss nicht einmal böswillig sein, um die Texte ein wenig anders zu lesen. Jeder hat anschließend das „Open“-Label auf der Software, aber keiner ist es – solange es keine Referenzimplementierung mit einsichtbarem Sourcecode gibt (deswegen ist Open Source so wichtig).

Genau mit der altbackenen Taktik könnten es die genannten Hersteller natürlich auch jetzt wieder probieren. Aber dann werden sie ihr Problem nicht lösen, weil die Anwender seit Unix-Zeiten sensibler geworden sind. Finten verfangen nicht mehr so gut. Deswegen ist eher anzunehmen, dass sie die Sache ernst angehen. Wenn sie es tun, werden es die Anwender honorieren.

Dann werden einige namhafte Anbieter wie Amazon, Google, Microsoft und Oracle, die jetzt noch nicht bei der Tosca-Initiative dabei sind, auch die Zeichen der Zeit erkennen: Vendor Lock-in hat für alle Zeit in der IT keine Zukunft mehr.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf der Website des Bonner IT-Dienstleisters Tarent.