Einheitliche Basis für Embedded-Linux

Linux Foundation gründet weitere Standardisierungsinitiative

Von Ludger Schmitz, 28.10.2011

Für kleine und mittelständische Unternehmen, die sich keine Linux-Kernel-Spezialisten leisten können, könnte bald eine Schwelle fallen, innovative Produkte auf den Markt zu bringen.

Jeder verwendet inzwischen Linux, die wenigsten aber wissen es, denn sie bekommen davon einfach nichts mit. In jedem etwas komplexeren elektronischen Gerät in unseren Haushalten arbeitet das Open-Source-Betriebssystem, vor allen in den Systemen die zur Unterhaltungselektronik gezählt werden: Fernseher, DVD-Player und -Recorder, Satelliten-Decoder etc. Diesen Linux-Erfolg haben Fans des Systems seit Jahren gern jenen süffisant unter die Nase gerieben, die meinten, Linux sei dermaßen übel, dass sie es nie verwenden würden.

Doch eine Schattenseite gab es an dieser Erfolgsstory: Die Hersteller solcher Geräte mussten für jeden einzelnen Typ den Linux-Kernel auf ihre Bedürfnisse reduzieren und darauf die Funktionen programmieren. Zum einen bedeutet das Aufwand, zum anderen sind die Hersteller für ihre Kernel-Varianten im Prinzip zu Support verpflichtet. Weil nun aber immer mehr Geräte vernetzt und zum Teil Internet-fähig werden, muss auf Angriffe von außen auf bisher unbekannte Schwachstellen reagiert werden. Das verursacht Aufwand.

Um dem zu entgegenzuwirken hat die Arbeitsgruppe „Consumer Electronics“ in der Linux Foundation eine Empfehlung des Linux-Entwickler Greg Kroah-Hartman aufgegriffen. Der hatte angeregt, das erfolgreiche Modell der langfristig unterstützten Linux-Versionen auch auf die Embedded-Systeme zu übertragen. Außerdem sollte es weniger Varianten geben, um den Support-Aufwand zu verringern.

Auf der Konferenz LinuxCon Europe, die in dieser Woche in Prag stattfand, hat die Linux Foundation die in dieser Richtung zielende „Long Term Support Initiative“ (LTSI) vorgestellt. Sie wird unterstützt von Großherstellern aus der Unterhaltungsindustrie. Dazu gehören Hitachi, LG Electronics, NEC, Panasonic, Qualcomm Atheros, Renesas Electronics Corporation, Samsung Electronics, Sony und Toshiba.

Die Arbeitsgruppe will einmal pro Jahr einen Linux-Kernel veröffentlichen. Für den wird es zwei Support-Varianten geben. Für die Community-Version gibt es zwei Jahre Long-Time-Support, für eine Enterprise-Version sind es drei Jahre. Diese Zeitspanne entspricht, so die Hersteller, der Präsenzdauer eines Produkts am Markt.

Technisch kann dieser neue Einheits-Kernel natürlich nicht mehr so radikal auf die Zwecke eines Geräts reduziert sein, wie das im Prinzip möglich ist. Es gilt möglichst viele Anforderungen zu erfüllen, und das hat Volumen zur Folge. Aber das ist auch kein wirkliches Problem, denn die ROM-Speicher für ihn sind ohnehin spottbillig.

Interessant wird dieser – natürlich kostenlose und öffentlich verfügbare – Standard-Embedded-Linux-Kernel für alle, die mit dem Open-Source-System gesteuerte Geräte herstellen wollen. Auf einer Basis mit langfristigem Support brauchen sie lediglich auf Shell-Ebene (zum Beispiel für Treiber) und die spezifischen Applikationen zu programmieren. Der Aufwand sinkt deutlich, zumal dann nicht mehr intime Kenntnisse der Betriebssystem-Programmierung nötig sind, sondern nur noch gegen offene, bekannte Programmierschnittstellen entwickelt werden muss.

Wichtig ist das vor allem für alle kleinen und mittelgroßen Firmen, also unsere KMUs, die sich einfach nicht die bisher notwendigen IT-Spezialisten leisten konnten. Die Schwelle für sie, mit innovativen Produkten auf den Markt zu kommen, wäre wesentlich niedriger. Und so nebenbei: Auch Tarent hätte einen Betriebssystemkern für seine Roboterspielzeuge, mit denen die Bonner Firma Schüler für die Informatik zu begeistern versucht. Der Zugang zur Programmierung wird einfacher.

Ob aus diesem Projekt der Linux Foundation etwas wird, gilt es abzuwarten. Die Stiftung hat sich in den letzten Jahren nicht gerade mit Ruhm bekleckert. So obliegt ihr die Linux-Standardisierung, von der man seit einer gefühlten Ewigkeit nichts mehr gehört hat. Und unter ihrer Führung stand die Entwicklung des „Small-Device“-Systems MeeGo. Nachdem sich dessen Mutter Nokia auf Windows umorientierte, ist es der Foundation nicht gelungen, wenigstens den anderen Elternteil, Intel, bei der Stange zu halten. Das Ding heißt jetzt „Tizen“ und geht in die Richtung Infotainment. Das überschneidet sich mit der LTS-Initiative.

Und da gibt es in der Linux Foundation noch ein Embedded-Linux-Projekt, das gerade ein Jahr alt ist: „Yocto“. So langsam drängt sich die Frage auf, ob die Stiftung gut genug organisiert ist, ihren Projekten wirklich Effizienz und nicht nur Publicity zu geben.