Steht OpenOffice vor dem Aus? Schwachsinn!

Spendensammlung irritiert die Open-Source-Welt

Von Ludger Schmitz, 15.10.2011, Update: 17.10.2011

Das klingt dramatisch: „Ein plötzliches Ende“ soll OpenOffice drohen. „OpenOffice darf nicht sterben!“ appelliert der Verein Team OpenOffice.org. Keine Aufregung!

Team OpenOffice.org hat sich mit diesen drastischen Formulierungen weit aus dem Fenster gehängt und in der Open-Source-Welt für reichlich Verwirrung und Irritationen gesorgt. Der Verein besteht seit 2004 und hat für die Open-Source-Bürosuite Veranstaltungen und Spendensammlungen organisiert. Jetzt ist er der Rest von dem, was einmal OpenOffice war.

Denn Oracle, seit der Übernahme von Sun der Sponsor von OpenOffice, hat das Büropaket nicht nur am 1. Juni dieses Jahres an die Apache Software Foundation übergeben, sondern auch seine Zahlungen eingestellt. Das heißt: Alle rund 120 Mitarbeiter der OpenOffice-Entwicklungstruppe in Hamburg, auf die circa 95 Prozent des Codes des Büropakets zurückgehen sollen, wurden entlassen; die letzten Verträge laufen im Februar 2012 aus. Der Verein behauptet, seither gebe es keine regelmäßige Programmentwicklung mehr und auch keinen Support. Was bleibe, sei Freizeit-Engagement. Um zumindest für den Support wieder einen verlässlichen Rahmen bieten zu können, hat der Team-Verein eine Spendensammlung gestartet.

Die Initiative hofft auf eine Wiederholung des Erfolgs, den andere Communities, zum Beispiel Wikipedia, mit Spendensammlungen hatten. Team-Verein-Sprecher Götz Wohlberg macht eine Rechnung auf, die er sich nicht zu Ende zu rechnen traut: OpenOffice hat weltweit geschätzte zehn Millionen Anwender. Wenn nun jetzt jeder von denen ein Prozent der Lizenzkosten, die er nicht für MS-Office gezahlt hat... Und wenn dann noch die IT-Anbieter, die durch das Bestehen von OpenOffice ihr Angebot verbreitern oder weitere Software entwickeln konnten, ebenfalls über den Daumen peilen und ein Prozent...

Mit dem letzten Satz ist etwas ziemlich erhebliches angesprochen: OpenOffice ist ein nicht gerade kleiner, sondern der elementare Kern sehr vieler Open-Source-Büroprogramme, beispielsweise LibreOffice, RedOffice aus China oder BR-Office aus Brasilien. Team-Sprecher Wohlberg fragt: Was wird aus all denen, wenn dieser Nukleus nicht mehr weiterentwickelt wird? Kurzum: Ohne OpenOffice gehe es nicht nur bei diesem Produkt, sondern auch bei allen Forks deutlich langsamer voran, als wir es bisher gewohnt waren, „von 100 auf 5 km/h“.

Der Hinweis, dass es keine Weiterentwicklung von OpenOffice gegeben hat, ist richtig – und geradezu zynisch. Denn schon seit mehr als einem Jahr, also schon seit weit vor der Übergabe des Büropakets an die Apache Software Foundation, gab es keine Updates und Bugfixes mehr. Bugreports wurden nicht beantwortet, geschweige denn bearbeitet. Man schaue sich nur einmal die Kommentare von Usern auf den News-Portalen im Internet an.

Sogleich drängt sich die Frage auf, warum IBM dem leidenden Projekt nicht unter die Arme gegriffen hat. Denn IBMs „Symphony“ sieht auf der Benutzeroberfläche zwar völlig anders aus, geradezu inkompatibel, hat aber im Kern nichts anderes als OpenOffice. Hat IBM kein Interesse mehr an Symphony oder favorisiert die Firma inzwischen LibreOffice? Diese Frage hat der Journalist Brian Proffitt von der „IT-World“ gestellt.

IBM-Pressestellen werden solche Fragen „nicht einmal ignorieren“, wie man in Bayern sagt. Aber ein IBM-Mitarbeiter, hat unter dem Kürzel „dpharibson“ auf die Spekulationen von Proffitt geantwortet. Der IBMer ist Committer und Mitglied des Apache OpenOffice Podling Projekt Management Committee, das ein Projekt wie OpenOffice in der Inkubationsphase analysiert und die späteren Entwicklungslinien festlegt.

Dieser IBMer weist Spekulationen über ein Ende von Symphony weit von sich. Das Produkt, das es ohnehin zum kostenlosen Download im Internet gibt, werde nicht verkauft. IBM wolle kostenlos verfügbare Office-Applikationen und werde in Kürze mehr als drei Millionen Programmierzeilen aus der Symphony-Entwicklung Open Source stellen. Im Übrigen habe IBM einige Entwickler aus der Hamburger Entwicklungsfirma von OpenOffice eingestellt und etliche aus dem Pekinger Symphony-Entwicklungsteam auf das Apache-Projekt abgestellt. Insgesamt würde das IBM wohl einige Millionen Dollar kosten.

Fast gleichzeitig reagierte auch die Apache Software Foundation (ASF), und zwar ziemlich angefressen: „More recently, destructive statements have been published by both members of the greater FOSS community and former contributors to the original OpenOffice.org product, suggesting that the project has failed during the 18 weeks since its acceptance into the Apache Incubator.“ Die Organisation stellt demgegenüber fest: „Apache OpenOffice.org is not at risk.“ Die ASF hat gleich mal klar gemacht, wer Herr im Hause OpenOffice ist: keine Firma mehr, sondern eine von keinen finanziellen Interessen geleitete ASF, nicht etwa die Reste einer Hamburger Entwicklergruppe.

Und Spendenaufrufe seien nicht autorisiert: „Team OpenOffice.org e.V. does not have any specific relationship with the Apache Software Foundation... Apache projects may not perform fundraising independently, nor does the ASF work with any outside organizations when fundraising; all fundraising at the ASF is handled by our central fundraising team and is explicitly on behalf of all Apache projects.“

Das war's dann für den Team-Verein, könnte man meinen, aber ein Pfeil der Hamburger traf noch. Deren Sprecher Wohlberg hatte für Wohlwollen gesorgt, indem er verbreitete, eine Wiedervereinigung mit LibreOffice sei denkbar, technisch wenigen Wochen machbar. Darauf ging die ASF nicht konkret ein. Aber sie sandte in ihrer Erklärung um die Spendenaffaire einen Glückwunsch an The Dokument Foundation, also das LibreOffice-Projekt: „We congratulate the LibreOffice community on their success over their inaugural year and wish them luck in their future endeavors. We look forward to opening up the dialogue between Open Document Format-oriented communities to deepen understanding and cease the unwarranted spread of misinformation.“

Mit anderen Worten wirft die ASF nun The Document Foundation kaum verhüllt vor, hinter den Gerüchten über ein Ende von OpenOffice zu stecken. Und noch eine heftige Attacke kam von der ASF: gegen LibreOffice. Da gibt es ein Lob auf OpenOffice, als „a code base that has been forked and maintained by a community pursuing market dominance“.

Einer anderen Community-Projekt, angesprochen ist offenbar LibreOffice, das Streben nach Marktbeherrschung vorzuwerfen ist nicht gerade die gepflegte Umgangsweise in der Open-Source-Welt. The Document Foundation hat trotzt Anfrage bisher keine Stellungnahme veröffentlicht.