Patentkriege führen zum FiaSCO

Die Doktrin der gegenseitigen Patent-Abschreckung ist fatal

Von Ludger Schmitz, 22.9.2011

Jay Lyman, Analyst bei The 451 Group, hat sich Gedanken über Lehren aus dem FiaSCO gemacht. Er bezeichnet die Klagen von SCO als „ein Beispiel für Technologiefirmen und was sie vermeiden sollten“, um ihre Marktposition und Bedeutung zu erhalten.

Ende letzten Monats hat ein US-Berufungsgericht endgültig entschieden, dass SCO keine Urheberrechte am Unix-Code hat (mehr zum Beispiel hier). Die Firma muss daher Novell, genauer deren neuer Besitzerin Attachmate, noch etliche Millionen Dollar zahlen. Ob sie das überhaupt kann, ist sehr zweifelhaft. Wahrscheinlich endet mit einer Pleite die Geschichte einer Firma, die einst den x86-Unix-Markt beherrscht und damit Millionen verdient hat.

Die SCO-Klagen gegen Anwender scheiterten früh, die gegen IBM, Novell und Red Hat zogen sich dahin. Dies und der fortgesetzte hohe juristische Aufwand, so meint der Analyst wie eine Reihe anderer Beobachter, haben die Fähigkeiten von SCO zu technologischen Fortentwicklung seiner Unix-Systeme eingeschränkt. Die Aggressivität der Firma hat ihrem Ruf am Markt, bei den Anwendern geschadet. Prompt verabschiedeten sich die Kunden, neue ließen sich nicht gewinnen. Der Gewinner war vielmehr Linux, das bei den meisten einstigen SCO-Kunden Unix ersetzte und gleichzeitig aufgrund der Trotzreaktion der Community eine beschleunigte Entwicklung erfuhr.

Lyman: „Gleichwohl sehen wir heute, dass technologische Schwergewichte wie Microsoft, Oracle und Apple einige der Fehler wiederholen, die SCO in die Lächerlichkeit und den Ruin geführt haben.“ Denn Ähnliches spielt sich derzeit beim Kampf um den Smartphone-Markt ab. Nicht Technik ist das Argument, sondern Patente. Deretwegen werden Gerichte angerufen – und Anwälte in Kompaniestärke bezahlt. Es geht dabei nicht nur um den Abfluss von Kapital, sondern auch darum, dass sich dass Management mit normalerweise eher abseitigen Themen beschäftigt, wie der Gewinnung von Patenten durch Firmenübernahmen. Die Beispiele liefern Microsoft, Oracle, Apple und Google.

Microsoft hatte sich früh hinter SCO gestellt und ebenfalls erklärt, Linux verletze genau 235, allerdings ungenannte, Patente. Hinzu kamen wiederholte Vorwürfe („Krebsgeschwür“, „Sozialismus“, „unamerikanisch“) und andere unsägliche Aktionen. Diese Attacken, so hat kürzlich HeiseOpen-Chefredakteur Oliver Diedrich festgestellt, „sind fester Bestandteil des kollektiven Internet-Bewusstseins“. In der Folge trifft Microsoft, so Lyman, auf Skepsis über den Kreis der Linux- und Open-Source-Fans hinaus, bei technisch aufgeschlossenen Communities. Microsoft kann sie nicht erreichen, MS-Technologie kommt nicht mehr an.

Oracle verklagt Google wegen eines Teils von Android. Das Smartphone-Betriebssystem ist zwar kaum als Open Source zu bezeichnen, sehr wohl aber seit Sun-Zeiten der Teil, um den es juristisch geht: Java. Diese Attacke könnte für Oracle fatal ausgehen, meint Lyman. Java hatte hervorragende Aussichten, die beherrschende Programmiersprache im Smartphone-Markt zu werden. Jetzt aber gibt es dazu eine Reihe Alternativen, denen Oracle mit seinen juristischen Drohungen die Entwickler nachgerade zutreibt.

Apple hat in den letzten zehn Jahren ein technologisches Ass nach dem anderen aus dem Ärmel gezogen und wurde damit zur wertvollsten IT-Firma der Welt. Jetzt fährt sie nur noch juristisches Geschütz in Form von Patenten auf, um die einst beherrschende Position im Mobile-Markt von Android-Systemen zurück zu erobern. Also Klagen gegen das Google-Gefolge wie Motorola, HTC und Samsung.

Wie reagiert Google? Mit den gleichen Mitteln. Die Firma, die bisher keine großen Ambitionen in Sachen Patente hatte, „reagiert gleichermaßen unklug“, so Lyman. Sie hat Motorola gekauft – aus dem einzigen Grund, an das gewaltige Patent-Munitionsdepot dieser Firma zu kommen. Damit sollen sich die Klagen von Oracle, Apple und vielleicht noch Microsoft abwehren lassen. Denn so hat man das immer gemacht in der US-amerikanischen IT-Industrie: Patente als Abschreckung gegen Patentklagen, Kalter Krieg auf technologischer Ebene.

Lyman zieht das Fazit: „Microsoft, Oracle und Apple haben eine Menge mehr technologische und innovative Fähigkeiten als SCO. Aber ich glaube, ihr Fokus darauf, IP-Ansprüche und Anklageschriften als Wettbewerbsmittel zu nutzen, ist eine verlorene Wette. Und zwar eine, die für sie zwar nicht notwendigerweise so verheerend sein wird wie für SCO, aber auf lange Sicht ein signifikanter Nachteil.“

*Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf der Website des LIVE Linux-Verbandes.