Web oder Hirn: Was ist besser?

Der Gründer von „Wired Magazine“ hat das Gehirn und das Internet verglichen.

Von Ludger Schmitz, 18.9.2011

Im Internet gibt es 100 Mal mehr Websites, als unser Gehirn Neuronen hat. Aber unsere grauen Zellen haben 100 Mal mehr Verbindungen zu anderen als die Websites Links.

Es gibt ein plastisches Beispiel, um das Gehirn und seine Entwicklung zu erklären: Es besteht aus Neuronen, einer wahnsinnig hohen Zahl von „Bahnhöfen“. Anfangs, im Babystadium, sind nur die wichtigsten mit „Gleisen“ verbunden. Dann lernen wir Farben erkennen, fühlen, sprechen, gehen zur Schule, zur Uni. Immer schneller werden immer mehr Bahnhöfe angeschlossen. Ganz viele direkte Verbindungen werden eröffnet, damit es schneller geht von A nach B, nach C etc.

Aber wir rauchen, saufen, verfetten (außer mir). Die Bahnhöfe verkommen. Unseren Gehirnzellen geht es nicht anders. Zuerst macht das noch nichts, wir haben reichlich Ersatz. Doch es kommt das Alter, und jetzt verfallen viele Bahnhöfe. Züge bleiben auf der Strecke liegen oder müssen lange Umwege machen (die DB verhält sich ganz menschlich, wenn man so will). Im hohen Alter funktionieren nur noch ganz wenige Verbindungen, die notwendigsten. Und auch die fallen nach und nach aus. Entsprechend werden wir wieder wie Kleinkinder. Mit der Ausnahme, dass aus rätselhaften Gründen – eigentlich nicht lebensnotwendige – Verbindungen bestehen zu Bahnhöfen, auf denen Bruchstücke von Erinnerungen lagern.

John Kelly, Gründer von „Wired Magazine“, macht laut „t3n“ folgende Rechnung auf: Niemand weiß genau, wie viele Webseiten es gibt, aber er schätzt mal so mindestens eine Billion: 1.000.000.000.000. Das menschliche Gehirn kommt auf lediglich 100 Milliarden: 100.000.000.000. Zwei Nullen weniger.

Ist das Internet folglich ein Superhirn? Ist es nicht, laut Kelly. Die Websites haben im Durchschnitt 60 Links; unsere Neuronen, die Bahnhöfe, aber 6000 Verbindungen zu anderen. Das (von Kelly unterschlagene) Nachteilige ist nur, das unsere Bahnhöfe nicht so viel Speicherkapazität haben. Wir kommen aber an das Wenige in ihnen schneller heran. Für den Rest müssen wir googeln – so lange, wie wir noch wissen, wie das geht.

Dass es im Internet mehr Wissen gibt, als in das tollste Gehirn passt, daran hat man sich ja gewöhnt, ohne gleich beleidigt zu sein. Das Blöde ist nur, dass die Zahl der Websites sich momentan jährlich verdoppelt. Sie holen uns also auch vernetzungsmäßig ein. Es ist kein Trost, dass es so natürlich nicht ewig weitergehen wird. Aber absehbar wird das Internet mehr Links aufweisen als wir Verbindungen zwischen den Neuronen eines Gehirns.

„Eines Gehirns“. Das ist die Lösung, um nicht augenblicklich in Depressionen zu fallen. Alle Websites sind Ergebnisse von Operationen meist mehrerer Gehirne. Ergo kann uns das Web nie „das Wasser reichen“. Schon gar nicht das Weißbier im Biergarten oder den Rotwein nach dem Abendessen. Um sicher zu gehen, wurde in diesem Artikel auf jeden Link verzichtet.

*Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf der Website des Bonner IT-Dienstleisters Tarent.