Oracle verabschiedet sich von OpenOffice

Community-Projekt an die Apache Software Foundation übergeben

Von Ludger Schmitz, 6.6.2011

Viele Stellungnahmen von IBM deuten an, dass Big Blue offenbar auf Oracle eingewirkt hat, um Gefahr für das OpenOffice-Pendant Lotus Symphony auszuräumen.

Oracle hat das OpenOffice-Projekt an die Apache Software Foundation (ASF) übergeben. Damit ist eins der erfolgreichsten Open-Source-Produkte noch nicht endgültig in einem neuen „Heimathafen“ angekommen. Denn zunächst muss das Projekt in der Stiftung einen aufwändigen Prüfungs- und Organisationsprozess (Incubator) durchlaufen. Aber alle Beobachter sind sich einig, dass OpenOffice in einiger Zeit unter der Apache License 2.0 und vielleicht mit dem Namen Apache OpenOffice an den Markt kommt.

Oracle hatte bald nach dem Gewinn von OpenOffice im Zuge der Sun-Übernahme das Interesse an dem Produkt verloren. Die Community beklagte unter anderem mangelndes Engagement und gründete den Fork LibreOffice. Oracle verabschiedete sich kürzlich auch von seiner bisherigen kommerziellen OpenOffice-Version. Deswegen findet die aktuelle Entwicklung bei Open-Source-nahen Analysten, Journalisten und Bloggern ein durchweg positives Echo.

Die Oracle-Maßnahme ist offenkundig auf dezenten Druck von IBM zustande gekommen. Big Blue musste die fragile Entwicklung von OpenOffice unter Oracle-Ägide gefährlich erscheinen. Denn IBMs Büropaket Lotus Symphony setzt auf OpenOffice auf. Prompt reagierte das Unternehmen nun in ungewöhnlicher Weise auf den Oracle-Ausstieg. Denn sogleich erschien eine IBM-Pressemitteilung, in der das Unternehmen versprach, das OpenOffice-Projekt künftig personell zu unterstützen, während Oracle anscheinend alle Entwickler von OpenOffice abzieht.

Dabei betont die IBM-Pressemitteilung die führende, autonome Rolle der Apache-Community. In die gleiche Richtung gehen sämtliche Äußerungen führender IBM-Mitarbeiter. Dass diese sich sogleich und mit der gleichen Intention äußerten, deutet ebenfalls darauf hin, dass IBM Oracle sanft zu dem Schritt gedrängt und die Apache-Stiftung ins Spiel gebracht hat. Unter anderem anderem meldeten sich Bob Sutor, für IBMs Open-Source-Politik zuständiger Vice President, und Ed Brill, Director Lotus Software. Sie betonten die Unabhängigkeit der Apache Software Foundation trotz des vermutlich erheblichen finanziellen Engagement von IBM. Rob Weir, IBM-Vertreter in diversen internationalen Standardisierungsgremien und Open-Document-Format-Aktivist, fühlt sich „geehrt“, in das OpenOffice-Incubator-Team gerufen zu sein.

Fast alle Beobachter sehen nun auch wieder Chancen für eine Wiedervereinigung von OpenOffice und LibreOffice. ASF-President Jim Jagielski, OpenOffice-Mentor in der ASF, erklärte, die ASF sei „der perfekte Ort, um zu helfen, die Community zu reparieren“. Er habe Kontakt zu LibreOffice-Organisation The Document Foundation aufgenommen und „hoffe, dass wir zusammenarbeiten können“. Aus dem Steering Committee der Document Foundation kam in persona Italio Vignoli allerdings zunächst eine eher abwartende Stellungnahme: Man sei gesprächsbereit, vor einer Wiedervereinigung seien erhebliche lizenzrechtliche Probleme aus dem Weg zu räumen.

*Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im Mitglieder-Newsletter der Open Source Business Foundation (OSBF), Nürnberg. Zum gleichen Thema gibt es auch einen Beitrag auf der Website des Linux-Verbands LIVE.